Jamal Winter-Expedition 2020

Eine Fahrt mit eigenem Auto durch Sibirien im Winter …. geht das überhaupt?

 

Extreme Minustemperaturen, Schneestürme, präparierte Eispisten auf zugefrorenen Seen und Flüssen, viel habe ich darüber gelesen sowohl in den russischen als auch polnischen Offroadforen. Die meisten erreichen aufgrund des Wetters sowie der Straßenverhältnisse ihr Ziel nicht, haben aber offensichtlich trotzdem sehr viel Spaß!

Zusätzlich ist die Region im Bereich des nördlichen Urals (Autonomer Kreis der Jamal-Nenzen) geschichtlich, geologisch und geopolitisch sehr interessant. Sogar noch in den 50er Jahren wurden hier politische Gefangene aus der DDR, Polen, Ukraine oder Weißrussland zur Arbeit geschickt. Es bestanden in dieser Gegend mehrere Arbeitslager, eines der größten war in Workuta. Die Geschichte ist noch nicht ganz aufgearbeitet, niemand redet gerne darüber und Augenzeugen oder Überlebende sind schwer zu finden.

Nach langen Recherchen und überlegen war mir aber klar, dass so eine lange Einfahrt bis zum Zielregion von mehr als 5000 km im Winter, besonders bei nur 14 Tagen vorhandenem Urlaub, alleine überhaupt keinen Sinn hat.

Da aber eine polnische Offroadgruppe gerade so eine Expedition mit Hilfe russischer Kollegen plante, beschloss ich kurzerhand, mich diesem Unternehmen anzuschließen. Die Kosten waren überschaubar, drei russische Fahrer mit Spezialfahrzeugen genannt Trekol hatten sich bereit erklärt, mit uns in die Gegend vorzustoßen.

Der grobe Plan war, es bis nach Salechard mit dem Flieger zu schaffen, von dort sollten wir abgeholt werden und noch am gleichen Tag schnell alles für eine 12- Tage-Reise einzukaufen und dann am Abend loszufahren. Insgesamt waren wir zwölf Personen, ein Hund sowie drei Spezialfahrzeuge. Über Labytnangi sollte der Kurs direkt nach Norden über winterliche Taiga und später Tundra auf den Karasee führen. Über den Karasee wollten wir den Nordural umrunden, es dann nach Workuta (die nordlichste stadt Europas) schaffen und später quer über den Ural wieder nach Salechard und damit den Kreis schliessen. Bei Problemen konnten wir immer noch mit einem Zug von Workuta nach Hause fahren (3-4 Tage), aber bis dorthin mussten wir es erteinmal schaffen.

Wie gesagt so getan, am Flughafen wurden wir sehr herzlich von unseren russischen Freunden abgeholt und direkt zu einem „Supermarkt“ gebracht. Dort hat jedes Team das nötige für sich gekauft (Bezahlung mit Karte oder Geldautomaten waren hier kein Problem), direkt zu den Fahrzeugen und diese beladen und los ging’s aus Salechard in Richtung Ural. Eine Brücke über den Fluß Ob gibt es hier aufgrund des Bodens nicht, viele Firmen haben versucht, eine Brücke zu bauen und sind am Matsch und Permafrostboden gescheitert.

Von milden +12° in die -25° katapultiert

An dieser Stelle glaube ich, dass ein paar Bilder und Kommentar dazu die ganze Geschichte besser erzählen als ein langer und langweiliger Text.

An etwas aufwendigeren Havarien gab es nur eine. Einmal mussten wir die Kupplung bei -25 Grad und Wind wechseln, was uns ganze 47 Minuten Zeit gekostet hat. Des öfteren waren Dieselschläuche und Filter jeglicher Art verstopft und mussten entweder erneuert oder frei geklopft werden, was aber zu den täglichen, normalen Beschäftigungen gehörte.

Die Fahrt auf dem Karasee dauerte ca. 24 Stunden (15-20km/h). Auf dem Eis, das dicker als 1,5m ist, fühlt man sich sicher. Das täuscht jedoch, weil die Eisschollen auseinander brechen und man innerhalb von Sekunden versinken kann. Dazu gibt's noch Eisbrecher, die hier im Norden von Russland die Wasserwege offenhalten. An den Stellen, wo die Eisschollen brechen, bilden sich monströse, mehrere Meter hohe Eisberge, auf die man auch aufpassen muss. Die Navigation und Orientierung ohne GPS wäre hier gar nicht möglich. Es sei denn….. man gehört zum Nenzen- oder Komi-Volk.

Dass in dieser einsamen und lebensfeindlichen Gegend Menschen überleben, wandern und noch jagen können, hätte ich nie geglaubt, wenn ich die Nenzen selber nicht getroffen hätte.

 

Viele Straßen werden im Winter aber auch im Sommer von Gazprom vorbereitet und bewacht. Ohne einen Passierschein wird man verhaftet. Da es sich dabei um strategisch wichtige Militärstrassen handelt, wird man also vor ein Militärgericht gestellt. Das sollte man unbedingt vermeiden!

In Workuta sind von den 14 Kohlengruben nur noch drei geöffnet und, was ich in Gesprächen mit den Einheimischen erfahren habe, auch nicht mehr rentabel. Damals haben hier nur Sträflinge gearbeitet, die auch nach Abarbeiten der Strafe die Region nicht mehr verlassen durften. Es gibt einen deutschen, ungarischen und polnischen Friedhof sowie einige Kreuze und Gedenktafeln, allerdings alles schwer zu finden. Im Sommer mit einem ortskundigen Guide lässt sich die Gegend sicher sehr gut entdecken.

Ganze Siedlungen wurden verlassen, nachdem die Kohlengruben geschlossen worden waren. Es entstanden mehrere Geisterstädte in dieser Gegend. Besonders in der winterlichen Einöde war das unheimlich und bewegte zum Nachdenken.

Poorga, also ein schwerer Schneesturm mit kräftigem Wind, sollte sehr gefährlich aber selten sein. Wie dürften so einen Sturm auf unserer kurzen Reise sogar dreimal „genießen“. Sehen kann man nix, vom Fahrzeug kann man sich auf keine zwei Meter entfernen, sonst würde man nicht mehr zurück finden. Die Sicht ist dann gleich Null und die Temperatur fällt weit unter -30°.

 

 

 

 

 

Kochen, Essen, ständiges Umräumen und alles was sonst noch bleibt, muss im Trekol direkt gemacht werden. Es ist also nichts für Leute die Ordnung und organisiertes Leben mögen.

 

 

 

 

Auf einer Wiese mitten im Uralgebirge hat man nicht vergessen, auf die Grenze zwischen Europa und Asien hinzuweisen. Da musste ich wirklich lachen und fragte mich … für wen ist das hier!

Und selbstverständlich unzählige und unvergessliche Polarlichter, Sonnenauf- und Untergänge sowie die verschiedensten Schneeformationen, Eisfischen, Jagen, Bäume fällen fürs Feuer gehörten zu den täglichen Eindrücken auf der Reise.

 

 

 

 

In Salechard zurück lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch im Ethnischen Museum. Sowohl die Kultur in der Region, Entwicklung als auch geologische Funde von prähistorischen Menschen über Mammuts, das Leben von Nenzen und Komi, Tier- und Pflanzenwelt, einfach alles wird erörtert. Eine Führung auf Englisch muss allerdings vorher angemeldet werden.

Die ganze 12 Tage wurden die Trekol´s nur bei Reparateuren abgeschaltet, ansonsten liefen sie wegen der niedrigen Temperaturen ununterbrochen.

Wir waren mit fotographieren, filmen, Gesprächen, kochen, trinken, eigenen Gedanken und selbsverständlich immer wieder Eisfischen beschäftigt.

Insgesamt eine unvergessliche aber auch eine harte Reise und Erlenbisse mit Freunden in einer unglaublichen und gefährlichen Landschaft

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