Ostpolen: vom Baltiksee bis zu den Karpaten (Kresy)

Für das Jahr 2015 haben wir als Urlaub was Besonderes geplant. Wir wollten nach Ostpolen, die sogenannte Kresy, reisen. Das ist eine Region, wo Polen an Russland, Litauen, Weißrussland, Ukraine und die Slowakei grenzt. Dieser Region ist historisch und kulturell sehr interessant. In der Vergangenheit wechselte hier ständig der Grenzverlauf von Osten nach Westen. Sowohl russisch orthodoxe, katholische und andere Religionen haben sich hier angesiedelt. Dazu gibt es noch unberührte Natur mit berühmten Nationalparks. Hier findet sich auch der größte Urwald Europas Park Bialowieza. Die Reise begann am nördlichsten Punkt des Polens an der russischen, bewachten Grenze ohne Grenzübergang und endete in den Karpaten an der Grenze zur Ukraine und Slowakei. Wir haben fast 5000 km abgespult und 531 Liter Sprit verbraucht, drei Hotels gebucht, sonst immer spontan über eine Übernachtung entschieden.

Torun und Masuren

Zuerst führte unsere Reise nach Torun an der Weichsel. Wir haben drei Tage in einem sehr schönen, historischen Hotel Spichlerz in der Altstadt gewohnt. In Torun muss man selbstverständlich das Lebkuchenmuseum, das Kopernikus-Haus und die Johannes- und Marienkirche besuchen. Die alte Ordensburg sowie die Altstadt mit ihrem Marktplatz, und das Tony Halik - Museum (berühmter Journalist und Entdecker) durften auch nicht fehlen. Ferner waren wir Zeugen eines internationalen Treffens der “Enten”-Fahrer (Citroen C2).

An Antje´s Gebuhrtstag verbrachten wir drei Stunden! in einer Autowerktatt zwecks Nachfüllung der Klimaanlage. Bei ca 35° Temperatur für die nächsten Wochen war das leider notwedig.

Der weitere Weg führte durch unzählige, kleine Städte und Landschaften nach Masuren. Über Mragowo, Gizycko, Ryn nach Sztynort, eine kleine Bucht zwischen zwei Seen. Als ich dort zuletzt vor 25 Jahren war, standen hier gerade zwei Häuser. Jetzt ist das ein professioneller Hafen  für Segler.

 

Zusätzlich findet sich hier das verfallene Schloss der Familie Lehndorff. Heinrich Graf von Lehndorff wurde 1944 nach seiner Beteiligung am Attentat auf Hitler hingerichtet.

Von Sztynort fuhren wir in Richtung Norden bis zum kleinen See Oswin. Hier gab es viel offroad mit Überraschungen, eine absolut wilde Gegend mit Sumpfgebieten und unberührter Natur. Wir haben uns tapfer geschlagen und immer wieder kleine Pausen zum Baden gemacht. So erreichten wir die russische, stark bewachte Grenze (ohne offiziellen Grenzübergang), den nördlichsten Punkt der Tour.

Ab da bewegten wir uns nur nach Süden Richtung Augustow. Dieser Weg führte über kleine Dörfer, Schotterpisten zwischen Kornfeldern und alten Gebäuden mit unzähligen Storchennestern. Wir genossen mehrere Badepausen in kleinen, einsamen Buchten.

In Augustow angekommen haben wir unsere kleine und familiengeführte Pension (ein Zimmer mit Bad)  “Stary Dom” aufgesucht. Das Leben fand vorwiegend in einem sehr schönen Garten statt, wo man sich mit anderen Gästen, Hausbesitzer und ihren Freunden trifft. Hier wird gefrühstückt und abends gegrillt. Wir haben die Zeit hier genutzt, um die Gegend zu erkunden. Eine Kajaktour bei bestem Wetter auf  Czarna Hancza und Biebrza hat uns trotz Anstrengung sehr gefallen. Das sind Flüsse, die maximal einen halben Meter tief sind und in einer unberührten Natur mit umgefallenen Bäumen, Fischen, Raubvögeln etc verlaufen.

Abstecher Litauen durch den Wald

Der weg nach Litauen war von hier nicht weit und wir beschlossen, dorthin zu fahren. Wir wollten die Geburtsstadt eines netten Arbeitkollegen besuchen und ihm eine Postkarte schicken.  Litauen war gerade der EU beigetreten und wir konnten alles mit Euro bezahlen. In Kaunas entdeckte wir offensichtlich die Geburtsstätte von Jimi Hendrix :) - siehe Beweisfoto!

Von Bristona und Kaunas fuhren wir tatsächlich nur durch den Wald bis irgendwann ein Schild mit polnischem Wappen kam. Wir fanden das ganz lustig und fühlten uns wie echte Schmuggler :).

Wilde Bialowieza und Bisons

Unserer Route führten entlang vielen, kleinen, wunderschönen Flüssen und Feldern nach Bialowieza. Dort liegt der größte Urwald Europas zwischen Polen und Weißrussland ´. Wir haben uns hier ein Luxushotel gegönnt:)  um zu entspannen und Kräfte für weitere Strecke zu tanken.

Auch der russische Zar wusste schon damals, diese Gegend und Landschaften zu schätzen. Hier findet sich seine sehr gut erhaltene Sommerresidenz. Ihre Schönheit lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Dazu gehört noch eine alte Eisenbahnlinie, mit der der Zar immer hierher gebracht wurde. In den historischen Waggons mit sämtlichen Luxus kann man für viel Geld übernachten. Das alte Bahnhaus ist ein Restaurant, der Mix aus polnischer und russischer Küche ist ein Genuss für alle.

An einem Tag haben wir uns um 5 Uhr morgens mit Maria getroffen, um den Urwald zu besuchen. Das ist nur mit einem Guide möglich. Dies dient zum Schutz des Waldes und der Tiere. Maria hat uns sehr viel Interessantes über Pflanzen- und Tierwelt erzählt. Das berühmteste Tier hier ist der Bison, der "Zubr". Es gibt auch einen berühmten polnischer Wodka “Zubrowka“ mit einem Stück Gras drin. Unzählige Fotos von Pflanzen und umgefallenen Bäumen, Pilzen wurden gemacht. Er empfiehlt sich, die weißrussische, wilde  Seite des Nationalparks zu besuchen, dazu braucht man aber einen Reisepass für ein Kurzvisum.

Fluss Bug an der Grenze zur Weisrussland

Über Biala Podlaska haben wir den Grenzfluss Bug erreicht. Er schlängelt sich in unzähligen Kurven durch die Landschaft. Wir sind zuerst 50 km lang gefahren und wollten den Fluss mit Hilfe einer handbetriebenen, kleinen Fähre überqueren. Leider hatten wir Pech. Der Wasserspiegel war wegender anhaltenden Hitze und Dürre zu niedrig und die Fähre fuhr nicht. Das Wasser war aber einen Tick zu tief, um es mit dem Auto zu schaffen. Somit fuhren wir 50km wieder zurück bis zur nächsten Brücke und dann wieder zur weißrussischen Grenze. Dadurch hatten wir aber Gelegenheit, noch den berühmten Pilgerort Grabarka zu besuchen, die berühmte orthodoxe Pilgerstätte. Jeder Besucher soll hier ein Kreuz stehen lassen.

Ein schöner Übernachtungsplatz direkt am Fluss hat uns für den langen Weg entschädigt. Am Abend feierten wir so meinen Geburtstag mit zahlreichen Sternschnuppen aufgrund der Perseiden. So viele Sternschnuppen hatte ich noch nicht gesehen. Sehr viele Wünsche müssen noch in Erfüllung gehen (oder gebracht werden:).

Der Weg in die Karpaten

Unsere Reise führte führte uns im weiteren Verlauf in Richtung Karpaten. Auf dem Weg dorthin besuchten wir noch einige, erstaunliche Kirchen. 

Eine Kirche, Kostomloty nad Bugiem, war eine russchisch orthodoxe und katholische Mischung. Es handelt sich um eine Minderheit, die aus Russland vertrieben worden ist und in Polen wieder ihren Platz gefunden hat. Wir haben eine exklusive Führung von einer sehr netten Frau bekommen, so erfuhren wir die gesamte Geschichte über diese Religion, Kirche und historische Entwicklung der Region.

Von dort ging es über Poznan nach Kazimierz Dolny an der Weichsel. Ein kleines Hotel direkt am Fluss wurde von uns bezogen. Die Gegend wurde wieder erkundet, viele Heimatmuseen, historischen Gebäuden von Dichter und polnischen Künstler wurden besucht. Direkt an der Straße haben wir eine sehr nette Familie, Maler und Bildhauer kennengelernt und fast eine halbe Nacht bei einem Bier mit denen gesprochen. Nachdem sie ihr Leben in einer Großstadt aufgegeben haben, wohnen sie ganz einfach in der Natur und sind sehr glücklich.

In den Karpaten

Die Fahrt nach Ustrzyki Dolne führte uns durch zunehmend eine hügelige Landschaft.. Viele Wanderer und Fahrradfahrer waren ich bei schönem Wetter unterwegs. Auch hier hat sich seit meinem letzten Besuch vor über 20 Jahren etwas geändert. Die Städte platzen aus allen Nähten. Auf den Campingplätzen außer Pommesbuden standen auch Discozelte. Nach kurzer Überlegung haben wir beschlossen, in der Wildnis zu schlafen, was allerdings nicht ganz ungefährlich ist. Unzählige  Bären, Wildschweine und Wölfe wüten hier in der Gegend. Es gab eine offizielle Warnung. Nützscht ja nichts! Ein Platz zum Schlafen haben wir auf einem kleinen Berg gefunden. Morgens hoffte ich auf ein schönes Panorama in den Karpaten. Bei der Vorbereitung für die Nacht haben wir noch zwei kleine Glühwürmchen neben dem Auto entdeckt. Ich wollte sie fangen. Zu meiner Überraschung waren das aber zwei rauchende, deutlich alkoholisierte Einheimische, die ihren Weg nach Hause durch den Wald suchten. Nach einem kurzen Gespräch, wo wir wieder vor den Wildschweinen, Wölfen und Bären gewarnt worden sind, haben sie uns einen Stellplatz bei sich auf dem Hof angeboten, zwischen den riesigen Hirtenhunden, die uns beschützen sollten. Da wir uns nicht entscheiden konnten, was schlimmer ist, ein Wildschwein, Wolf oder Hunde, haben wir uns entschlossen hier, in der Natur zu bleiben.

Der Weg nach Hause

 

 

Weiter fuhren wir entlang der polnischen-slowakischen Grenze in Richtung Krakau.

Wir besuchten noch meine Mutter in Zabrze und machten von dort aus Touren zu den Schlössern in Schlesien. Dann war es Zeit wieder nach Hause zu fahren.

Fazit:

Insgesamt war das eine sehr überraschende und wunderschöne Zeitreise. Kresy: historisch und kulturell ist das eine hochinteressante Region mit beinahe vergessener Geschichte und eigener Kultur. Dazu viele unglaubliche Landschaften, Urwald sowie wie immer sehr nette, kontaktfreudige und hilfsbereite Leute.

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